Pfarr- und Dekanatskirche St. Joseph

Lage und Geschichte

Die von 1873 bis 1877 entstandene Pfarr- und Dekanatskirche St. Joseph gehört zu den monumentalsten Werken der neogotischen Kirchenarchitektur in Luxemburg und prägt, dank ihrer Lage, auf unübersehbare Weise das heutige Stadtbild. Bereits bei der Wahl ihres Standortes ging es um eine städtebauliche Repräsentanz und Monumentalität, die den neuen Kirchenbau gegenüber dem schlichten Vorgängerbau, der 1768 unter dem alten Patrozinium Johannes des Täufers neu errichtet worden war, deutlich hervorheben sollte.
Am 16. Februar 1742 wurde die Gemeinde zur selbständigen Pfarrei erhoben. Bis zu jenem Datum gehörte die Escher Filialkirche, der schon frühzeitig pfarramtliche Rechte zugestanden worden waren, zur Pfarrei St. Martin von Schifflingen, die ihrerseits bis ins 10. Jh. in die frühmittelalterliche Pfarrei St. Peter von Kayl eingegliedert war. Als ältestes kirchliches Zentrum der Region, zu dem ursprünglich auch Kayl gehörte, gilt die Mutterkirche auf dem Johannesberg bei Düdelingen.
Die Escher Filialkirche lag in der heutigen Großstrasse in Höhe des Schulgebäudes. Vorgängerbauten bzw. größere Renovationen sind in den Jahren 1570 und 1623 bezeugt. Schwere Brandschäden, 1794 durch die französischen Revolutionstruppen verursacht, führten zur Schließung des Gotteshauses. Obwohl die Kirche ab 1804 wieder bezugsfähig war, dauerten die Instandsetzungen bis 1848.
Bis zur Französischen Revolution und dem sich daran anschließenden Konkordat zwischen Napoleon und Papst Pius VII. (1800-1823) gehörte die Region um Esch seit frühmittelalterlicher Zeit zur Erzdiözese Trier. Nach der territorialen Neugliederung zu Anfang des 19. Jh. wurde die Pfarrei Esch Sukkursale der Kantonalpfarrei Bettemburg und in das 1820 errichtete Dekanat Bettemburg eingegliedert. Bei der Einweihung der heutigen Kirche am 14. Mai 1877 durch den Luxemburger Bischof Nikolaus Adames (1870-1883) unter Pfarrer Jean-Joseph Koppes (1874-1883) wurde das alte, bereits 1570 bezeugte Johannes-Patrozinium mit Rücksicht auf die schnell zunehmende Arbeiterbevölkerung zu Gunsten des hl. Joseph abgelöst. 1878 wurde die alte Johanneskirche abgebrochen. Seit der kirchlichen Errichtung des Dekanates Esch im Jahre 1951 kommt der St.-Joseph-Kirche der Rang einer Dekanatskirche zu. Ihr Entstehen verdankt die heutige Kirche dem schnellen Anwachsen der Ortschaft seit Beginn der 70er Jahre des 19. Jh., die sich infolge des Erzvorkommens und der Gründung der Eisenhüttenwerke Metz und Brasseur zu einer Industriestadt und Metropole entwickelte.
Zwischen 1874 und 1875 stieg die Bevölkerungszahl sprunghaft an, und so wurde der Bau einer neuen Pfarrkirche zur dringenden Notwendigkeit. Innerhalb der folgenden achtzig Jahre erhielten auch die neuen Stadtviertel ihre eigenen Pfarrkirchen, so Herz-Jesu, St. Heinrich und Lallingen. 1997 wurde das Bauwerk im Rahmen einer umfassenden Restaurierung unter Leitung des Architekten Jean Petit aus Luxemburg, von der Escher Stadtverwaltung, der Pfarrei und dem staatlichen Kulturministerium sowie mit finanzieller Hilfe der Europäischen Gemeinschaft restauriert.

Zur Baugeschichte
Die St.-Joseph-Kirche, deren Bauherrin die Zivilgemeinde der künftigen Stadt Esch unter Bürgermeister Pierre Claude (1861-1878) war, ist in ihrer Architektur und Bauornamentik im neogotischen Stil erbaut, auf den in Luxemburg seit Ende der 40er Jahre des 19. Jh. zurückgegriffen wurde. Das Bauwerk ging aus einem 1872 von der Stadtverwaltung eingeleiteten Architektenwettbewerb hervor. Laut den aufgestellten Bedingungen sah die Baukonzeption ein dreischiffiges Langhaus vor, dessen Stil der Wahl der konkurrierenden Architekten überlassen werden sollte. Aus städtebaulichen Erwägungen war der Chorraum nach Osten auszurichten, damit der Hauptfassade das Hauptgewicht zukäme. Von den fünf Projekten, die einer internationalen Jury vorgelegt worden waren, ging der erste Preis im August 1872 an den Luxemburger Architekten Charles Arendt (1825-1910), der mit Antoine Hartmann, seinem Konkurrenten, die neogotische Kir-chenarchitektur ab Mitte des 19. Jh. in Luxemburg etabliert hatte. Der Bau der St.-Joseph-Kirche in Esch-sur-Alzette verbreitete in den folgenden Jahren seinen Ruf als konsequenter Vertreter des Historismus nicht nur in Luxemburg, sondern auch im Trierer Raum.
Als Neogotiker auf die hochmittelalterliche Kathedralarchitektur des 12.-13. Jh. ausgerichtet, hatte Charles Arendt sich von der Liebfrauenkirche von Melun im Departement Seine-et-Marne inspirieren lassen. Ahnlich wie in Melun sollte eine mächtige Doppelturmfassade das Bauwerk bestimmen. Auf Antrag von Pfarrer Franz Keiser (1868-1873) mussten jedoch die beiden Türme zwischen dem unteren Chorbereich und dem Langhaus errichtet werden, so dass das anfängliche Projekt eine grössere Planänderung erfuhr. Die Bauausrührung, die sich infolge von Konstruktionsfehlern verzögerte und erst 1877 ihren Abschluss fand, lag in den Händen des Unternehmers Jacquemin Pere et Fils aus Metz.
1946 wurde die Eingangshalle nach einem Plan des Architekten Christian Scholl seitlich verlängert. Hier entstand eine Gedächtniskapelle, in welcher der Opfer des Zweiten Weltkriegs aus der Pfarrei gedacht wird. Der Escher Bildhauer Aurelio Sabbatini meisselte an den Aussenwänden die Inschrift  Ego sum Resurrectio et Vita" (Ich bin die Auferstehung und das Leben) sowie die Reliefs mit der Darstellung des Luxemburger Wappens und der Trösterin der Betrübten, der Schutzpatronin des Landes. Die Einweihung erfolgte am 23. November 1947.
Eng verbunden mit der schnellen Entwicklung der Stadt und der Bevölkerung wurde 1900 gegenüber der Kirche ein Jünglingsvereinshaus nach Plänen des Architekten P. Junck durch die Pfarrei errichtet.
(copyright by Verlag Schnell & Steiner Gmbh Regensburg)